NIAS

Von : STEFAN LOOSE / TRAVEL HANDBÜCHER

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papageien-24942Nias die 4800 km2 große Insel-125 km lang und 40 km breit-liegt etwa 125 km südwestlich von Sibolga. Mehr als 200.000 Menschen leben heute auf Nias, neben den Niassen viele eingewanderte Batak, Chinesen, Acehnesen und Minangkabau. Wichtigste Stadt ist Gunungsitoli. Bis zum Beginn der 50er Jahre gab es ein recht gutes Straßennetz. Seitdem sind viele Straßen im wahrsten Sinne des Wortes zugewachsen.

DIE BEWOHNER DER INSEL NIAS
DIE HERKUNFT DER NIASSEN

Auch wenn Nias schon in alten Reiseberichten arabischer und persischer Händler erwähnt wird -851 n.Chr. schrieb z.B. der Kaufmann Soleiman von den Kopfjägern von Niyang – ist die Insel geografisch gesehen immer ziemlich isoliert gewesen. Wegen der starken Meeresströmungen und der vorgelagerten Korallenriffe, vor allem vor der Westküste, sowie auch aus Furcht vor den kriegerischen Bewohnern haben die meisten Seefahrer stets die Insel gemieden. Häufige heftige Winde und dadurch bedingter hoher Seegang verhindern zumeist auch die Überfahrt von Sumatra mit kleineren Booten. Obwohl die Westküste Sumatras nur 100 km entfernt ist, sind die Einwohner von Nias doch sehr verschieden von den benachbarten batak.

Denn die geografische Isolation bedingt auch eine relative Kulturelle Isolation. Trotzdem hat Nias von allen Inseln vor Sumatras Westküste die am höchsten entwickelte Kultur und nebenbei auch die größte Bevölkerung. Ethnologisch ist die Herkunft der Bewohner von Nias unklar. Ihre Kultur ähnelt stark der Kultur der Naga, ein Volk im heutigen Assam : weitere Ähnlichkeiten deuten auf eine Verwandschaft mit polynesischen Kulturen und frühhinduistische Einflüsse lassen auf Kontakte zu den Batak schließen. Jüngste linguistische Untersuchungen haben ergeben, dass die Nias-Sprache mit polynesischen Sprachen näher verwandt ist als mit anderen indonesischen Sprachen. Die Bewohner von Nias bezeichnen sich selbst als Ono Niha, d.h. ” Kinder der Menschen”, womit die Ahnen gemeint sind. Sie nennen ihre Insel Tano Niha, was so viel wie ” Land der Menschen” bedeutet. Die Holländer machten aus Niha dann Nias.

Die Vorfahren der heutigen Niassen sind wahrscheinlich schon vor drei oder viertausend Jahren vom südostasiatischen Festland aus auf die Insel gelangt. Sie kannten schon den Reisenbau und die Mettalverarbeitung und hatten eine ausgeprägte Megalithkultur, die sich ins 20. Jahrhundert hinein erhalten konnte. Früher haben sich die Niha ihre Zähne gefeilt, aber Tätowierungen wie auf der südlichen Insel Siberut waren nie üblich. Das wichtigste Haustier war und ist auch heute noch das Schwein. Über viele Jahrhunderte blühte auf Nias der Handel mit Sklaven, die zur Westküste Sumatras exportiert wurden. Die Sklaverei und der Sklavenhandel sind erst Anfang des 20. Jahrhunderts aufgegeben worden. Noch im letzten Jahrhundert war die Insel in 40 – 50 kleinere Reiche unterteilt, die jeweils von einem Dorfoberhaupt regiert wurden und sich ständig untereinander bekriegten.rumah

DIE TRADITIONELLEN HÄUSER

Nias ist eine sehr hügelige Insel, die höchste Erhebung ist 887 m hoch. Dörfer wurden zur besseren Verteidigung meist auf Hügelkuppen erbaut. Sie waren rundherum mit Wällen und Mauern befestigt und können nur über einer langen Straße, in einigen Fällen aus zwei kreuzförmig angelegten Straßen, die mit Steinplatten gepflastert sind. Links und rechts der Straße stehen auf Pfählen die aneinandergebauten Häuser, deren einziger, in mehrere Ebenen unterteilte Innenraum oft mit Brettern und Planken aus Ebenholz getäfelt ist. Jedes Haus kann von außen nur über schmale Treppe betreten werden, die unterhalb des Hauses zwischen den Pfählen angebracht als ” Haustür” dient eine enge Klappe im Fußboden.

Alle Häuser haben Verbindungstüren zu den Nachbarn, um bei einer Verteidigung des Dorfes im Schutz der Häuser mobil bleiben zu können. Mit Mauern befestigte Dörfer findet man hauptsächlich in Süd Nias, wo auch allgemein eine höher stehende Kultur existierte und die Dörfer bis zu 5000 Einwohner haben konnten. Im Norden der Insel sind die Dörfer meist wesentlich kleiner und unbefestigt, wobei die traditionellen Häuser in der Regel einen ovalen Grundriß haben. Beim Bau der traditionellen Häuser waren Menschenopfer an der Tagesordnung : besonders bei der Errichtung des stets deutlich größeren Häuptlingshauses wurden Sklaven teilweise lebendig begraben heute opfert man Schweine anstatt der Menschen. Das größte Hauptlingshaus der Insel steht in Bawomataluo, es ist 23 m hoch.

In Süd Nias ist auch noch das “Steineüberspringen” bekannt, wobei eine etwa 2 m hohe Steinpyramide ( manchmal auch ein Steinsockel ) überwunden werden muß. Unverheiratete junge Männer überspringen dieses Hindernis nach einem kurzen Anlauf von einem etwa 70 cm entfernten, 40 cm hohen Stein aus. Noch beeindruckender ist es, wenn der Springer mit gezogenem Schwert den Steinblock überwindet. Früher diente dieser Sport der Kampfertüchtigung für den Stürm über die Palisaden und Mauern feindlicher Dörfer. Heute wird er nur noch zu besonderen Anlässen und für Touristen aufgeführt.

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DIE TRADITIONELLE GESELLSCHAFT

Die traditionelle Struktur der Gesellschaft differenziert zwischen drei Klassen mit unterschiedlichen sozialen Stellungen und Funktionen. An der Spitze steht der Adel, dem auch der Häuptling angehört. Bei seinem Amt assistiert ihm der Rat der Dorfältesten. Unter dem Adel stehen die freien Normalbürger, die Gemeinen. Die unterste soziale Schicht bildeten die Sklaven, die zumeist die Haus oder Feldarbeit verrichten mußten. Nur Adlige durften sich Sklaven halten, bei denen es sich entweder um Kriegsgefangene oder um verschuldete Dorfgenossen handelte. Einen eigenen Rang, etwa zwischen Adel und Gemeinen, haben die Priester, die Kultischen Handlungen und Opferzeremonien vollführen sowie Ahnenbilder und Abwehrzauber herstellen.

Die traditionelle Gesellschaft von Nias kannte nur ein Gesetz, nämlich das Adat, die überlieferten Weisheiten der Ahnen. Abweichungen vom Adat bringen die Lebenden in Konflikt mit den Toten, die folglich ihre Nachfahren durch Naturkatastrophen, Seuchen oder ähnliches Unheil strafen. Um dieses Unheil von der Gemeinde abzuhalten, hatten die Haäuptlinge stellvertretend für die Ahnen das Recht und die Pflicht, jeden Bruch des Adat hart zu bestrafen. Schwere Strafen trafen z.B einen Mann, der eine Frau belästigt hat. Auf Ehebruch stand sowohl für den Ehebrecher als auch für die betroffene Frau die Todesstrafe. Denn die Ahnen waren natürlich daran interessiert, ihre Abstammungslinien zu erhalten und nicht durch uneheliche Kinder unterbrechen zu lassen. Mit Verbreitung des Christentums hat allerdings die sexuelle Moral etwas nachgelassen, die Furcht vor Strafe im Jenseits ist wohl doch nicht so groß wie die Furcht vor Bestrafung durch das Adat.

Obwohl Männer in der Nias Gesellschaft eine dominierende Rolle spielen, nehmen die Frauen doch eine geachtete Stellung ein. Treffen z.B auf einem schmalen Pfad ein Mann und eine Frau aufeinander, so hat der Mann zur Seite zu treten. Schwere Feldarbeit wird nur von den Männer verrichtet. Eine Heirat wird, da sie auch mit dem Ahnenkult verbunden ist, sehr ernst genommen. Eine große Rolle spielt dabei der Brautpreis, den der zukünftige Ehemann oder seine Familie an die Familie der Braut zahlen muß. Im Fall einer Scheidung, die allerdings selten vorkommt, muß der Brautpreis zurückbezahlt werden. Die eigentliche Hochzeitszeremonie wird von einem Priester und dem Dorfhäuptling persönlich geleitet. Die Zeremonie gilt als erfolgreich abgeschlossen, wenn Braut und Bräutigam nach einem gemeinsamen Essen ebenfalls gemeinsam Betel kauen.

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RELIGION

Neben den Ahnengeistern verehrt und fürchtet man auf Nias auch Naturgeister und Götter. Die Götter sind z.T. Geister von Vorfahren, die zu Lebzeiten besonders mächtig und einflußreich waren und nach ihrem Tode vergöttlicht wurden. Andere Gottheiten tauchen schon in den zahlreichen Schöpfungsmythen der Niha auf. Die beiden wichtigsten und mächtigsten Götter, die zusammen die Welt und die Menschen regieren, sind Lowalangi und Latura Dano. Lowalangi lebt in der Oberwelt und hat überwiegend positive Eigenschaften, während Latura Dano als Herr der Unterwelt dem Menschen weniger freundlich gesonnen ist.

es geht weiter…………………………..burung

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Im Bann der Götter:
Nias zum Kennenlernen *
Raymond Laia
Münster, Germany

Die kulturelle Entfremdung der jungen Niasser

Hier will ich Ihnen die Insel Nias vorstellen, eine kleine – aber die größte unter den vielen kleinen Inseln im Westen von Sumatera. Den Indonesiern selbst ist sie relativ unbekannt und oft mit vielen Vorurteilen verbunden. Bevor wir diese Insel näher kennenlernen, möchte ich ihnen als Einstieg einen Ausschnitt aus einem Film aus dem Jahre 1995 zeigen. [Videoausschnitt aus dem Film Mit Bangen in die Zukunft — 03:27 – 10:44]

Wir brechen hier ab, denn ich möchte den Kommentar gegen Ende des Filmausschnitts aufgreifen. Es wurde gesagt, daß die jüngere Generation der Niasser keine Ahnung mehr von ihren Vorfahren hat. Diese Feststellung läßt sich auch genauso gut auf die Frage nach Kultur übertragen. Die jungen Niasser kennen die Geschichte und Kultur ihrer Vorfahren nicht, und können deshalb nicht beantworten, welchen Stellenwert die Kultur in ihrem Bewußtsein hat. Schuld daran ist nicht nur die Bildungspolitik, in der die lokale Kultur im Schulunterricht kaum vorkommt. Es spielen auch andere Faktoren mit. Es seien noch zu nennen, erstens der Jahrzehnte dauernde Umbruch im kulturellen (sprich: religiösen) Bewußtsein der Niasser, zweitens die Tendenz der Abwertung der Kultur gegenüber der um sich greifenden modernen Pop-Kultur, und drittens die latente Armut auf Nias, die dazu führt, daß Handlungen und Feste, in denen ja die Kultur am intensivsten erlebt und vermittelt wird, immer seltener veranstaltet werden. Denn solche Feste sind sehr kostspielig und in der Zeit der Armut scheint die ganze Pallette der Kultur, Luxus zu sein. Man beschränkt sich auf das nötigste. Diesen einzelnen Faktoren wollen wir hier nicht nachgehen.

Ich möchte sie so zusammenfassen: seit dem Siegeszug der Kolonialmacht und des Christentums auf Nias verlor die alte sozio-religiöse Ordnung ihre Glaubwürdigkeit, während die neue Ordnung noch zu suchen ist. Die plötzliche Trennung zwischen Kultur und Religion in der neuen Ordnung führt zu einem unsichtbaren Riß in der Seele der Niasser, der sie immer unsicher macht. Sie haben in einer Gesellschaft mit ihren vielen Göttern gelebt, in der sich einst die Gesetze und Vorschriften (Fondrakö) der Vorfahren Lebenshalt, Orientierungshilfe, und Lebenshorizont anboten. An ihre Stelle tritt nun das Christentum, dem — wenn ich richtig sehe — nicht gelungen ist, die sowohl die soziale und kulturelle als auch die religiöse Dimension in sich zu vereinen. Im Gegenteil: statt es der Kultur einen gebührenden Platz einräumte, verteufelte es sie, was heute meiner Meinung nach tief im Unterbewußtsein der Niasser sitzt. Dieses Thema der Kulturentfremdung unter den jungen Niassern finde ich wichtig, denn die Kultur, die man in ethnologischen Büchern vorliegt, bleibt eigentlich zum größten Teil nur Geschichte. Deshalb lassen Sie mich dies anhand meiner eigenen kulturellen Biographie verdeutlichen. Sie trifft mehr oder weniger der Situation der anderen jungen Niasser zu.

Die kulturelle Biographie

Ich bin in einer christlichen — zuerst evangelischen und dann katholischen — Familie aufgewachsen. Daß mein Großvater ein Adat-Haus, also ein nach der Tradition gebautes Haus, besaß, konnte ich nur durch die Reste der Hölzer, die Stück für Stück in das Feuer in der Küche landeten, feststellen. Der Großvater war noch – was wir Christen nennen- ein Heide, aber mein Vater war und ist immer noch ein eifriger Christ. Die Kultur kommt im Leben der Familie kaum vor. Von den großen Hochzeitsfeiern oder den sogenannten Verdienstfesten der Niasser (Owasa), in denen die Kultur die ganze Pallette ihres Reichtums aufführt, habe ich fast nie erlebt. Die Menschen in der Gegend können sich solchen Luxus nicht mehr leisten. Die traditionellen Tänze, die Mythengedichte, die Legenden der Vorfahren, oder in Gedichtform vorgetragenen Ansprachen (Hoho), habe ich auch nie wirklich kennengelernt. Dann verließ ich das Dorf und besuchte die Schule in einem anderen Städtchen. Im Internat lernten wir durch Filme, Geschichts- und Märchenbücher ein bißchen von der europäischen Kultur kennen, aber auf die Auseinandersetzung mit der eigenen sind wir nie gekommen. In der Schule lernten wir die Geschichte der Völkerwanderung Indonesiens aus Vorderindien und Süd-China, die Geschichte von Mahabrata und Ramayana, aber die Geschichte der eigenen Vorfahren ist uns unbekannt geblieben.

Erst Jahre später, als ich nach dem Philosophiestudium Praktikum in der Pfarrei Teluk Dalam machte, kam ich mit der Kultur in Kontakt. Denn von da aus betreuten wir auch das Gomo-Gebiet, wo der Rest der untergegangenen Megalithkultur der Niasser noch zu finden ist. Erst seitdem lerne ich diese Kultur schätzen, auch wenn es noch oberflächlich ist. Aber mindestens weiß ich, was es heißt, ein Niasser zu sein. Das sogenannte kulturelle Minderwertigkeitsgefühl ist zunächst nicht mehr so schlimm wie früher.

Geographisches

Werfen wir kurz den Blick auf die Geographie. Die Insel Nias liegt ungefähr 120 km entfernt von der Westküste der Großinsel Sumatera, also ungefähr eine Zugsfahrt von Münster nach Düsseldorf. Sie ist ca. 130 km lang und ca. 50 km breit, liegt quer vom Nordwesten zum Südosten. Laut der staatlichen Statistik von 1996 hat Nias 630.000 Einwohner [Siehe: Nias Regency Statistical Office]. Rund 164.700 davon sind Katholiken. Und weil die Mohammedaner und Buddhisten nur kleine Minderheit bilden, gehört also der Rest einer der vielen nicht selten gegen einander kämpfenden evangelischen Denominationen an. Die Bezirksregierung sitzt in einem kleinem Städtchen, das seit 1665 von den Kolonialherren (VOC) in Gunungsitoli umbenannt wurde. Das Land ist hügelig und hat einen Berg, dessen Gipfel ca. 800 m auf dem Meeresspiegel liegt. Zwei große Flüsse, Oyo und Susua, durchqueren die Insel. Je südlich man fährt, desto öfter wird man Kulturobjekte finden. Die berühmte Megalithkultur konzentriert sich hauptsächlich im Gomo-Gebiet und im Süden der Insel. Es ist ungefähr allgemein anerkannt, daß die Niassische Kultur von Gomo-Gebiet aus ihre Verbreitung fand.

Seit einigen Jahren gab es einen Plan, die Insel Nias als internationales Touristenziel aufzuwerten. Man hat diesen Plan zum Teil in die Tat umgesetzt, aber die Insel ist für solches ambitiöse Ziel immer noch nicht genug ausgerüstet. Die Deutsche “Gruppe Neues Reisen” hat erheblichen Zweifel daran geäußert [Siehe Jens Uwe Parkitny, Nias: Does Nias have what it takes? ]. Auf Nias läuft alles eben langsamer als in den anderen Teilen Indonesiens. Denn sie liegt weit weg von der Hauptstadt, Jakarta. Der 50jährige Aufbau Indonesiens seit der Unabhängigkeit hinterläßt auf Nias nur wenige Spuren. Das läßt sich nicht nur auf die “zentrifugale” Aufbaupolitik der Regierung zurückführen, wonach die Hauptstadt zunächst gebaut wird, und (hoffentlich) weitere Kreise zieht (Nias liegt aber ziemlich weit weg vom Schuß), sondern auch darauf, daß für Beamte — das ist ein offenes Geheimnis — Nias eine Exil darstellt oder als Exil verstanden wird. Ob es ihnen der Aufbau der Insel sehr am Herzen liegt, ist zunächst zu fragen.

Die Wirtschaft

Die meisten der Niasser leben als Kleinbauern, ganz wenige haben den Beruf als Kaufmann oder Beamte. Produkte aus Nias beschränken sich auf Rohgummi, Nelken, Kokosnuß, Muskat, und Pflanzenöl (Nilam). Aber wie im Film schon gesagt wurde, kennen sie keine systematische Landwirtschaft. Jede Familie hat ihr eigenes Reis- und Ackerfeld, in dem sie alles was sie zum Leben brauchen, anbauen. Denn sie arbeiten hauptsächlich nicht um zu produzieren, sondern nur sozusagen für “das tägliche Brot”.( Ausführlichere Auskunft gibt auch Johannes Hämmerle in: Nias. Land der Menschen. Ein Beitrag aus Zentral-Nias, Missionsprokur der Kapuziner: Münster, 1982)
Der Lebenslaufbahn einer ganz normalen Niassischen Familie sieht so aus: Wegen der hohen Verschuldung, die aufgrund des hohen Brautpreises jede junge Familie betrifft, muß fast jede neue Familie von ganz unten ihre Lebenslaufbahn aufbauen. Üblich war, daß sie die ersten vier bis fünf Jahre extrem hart arbeiten muß, um ihre Schuld abzuzahlen, bevor sie an den Aufbau der eigenen Familie denkt. Gleich nach den Flitterwochen zieht das Paar schon in eine Hütte (Ose) im Feld außerhalb des Dorfers. Dort rodet man ein Waldstück, pflanzt Reis und Süßkartoffeln und züchtet Hühner und Schweine. Hauptnahrung ist die Süßkartoffel. Nur an Festtagen oder zu bestimmten Anlässen isst man Reis, denn man muss sparen, um die Schulden so schnell wie möglich zu tilgen.

Wenn alles gut geklappt hat, so daß die Heiratsverschuldung abbezahlt ist, kann man daran denken, das eigene Haus zu planen und die eigene Ökonomie auszubauen. Das kann aber nicht schnell erreicht werden. Denn, auch wenn die Heiratsverschuldung minimal ist, bleiben sie in die vielfältigen Schuldverpflichtungen der Großfamilie eingebunden. Erst vielleicht nach Jahren könnte es gelungen sein, wirtschaftlich festen Boden unter den eigenen Füßen zu haben.
Und falls es der Familie dann wirtschaftlich tatsächlich gut geht, könnte sie sich nun um ihre Position in der Dorfgemeinschaft durch das sogenannte Rangfest mühen. Es ist aber, wie noch erläutert wird, ein Fest, das die Familienökonomie so ruiniert, daß man wieder von unten anfangen muß. Ein Ethnologe sieht dies positiv als “soziales Regulativ”, das verhindert wird, daß das Reichtum sich in der Hand einer Familie konzentriert [Siehe Waldermar Stöhr, Die Religionen der Altvölker Indonesiens und der Philippinen, 86].

Die Literarischen Quellen

Die Existenz von Nias wurde zum erstenmal — soweit es nachweisbar ist — in den Notizen des arabischen Kaufmanns Sulaiman im Jahre 851 erwähnt. Die Niasser nannte er Kopfjäger, eine Bezeichnung, die bis in unser Jahrhundert noch lebendig bleibt. Mehr über Nias erzählte er uns nicht. Auch der andere Araber nicht, der fast 150 Jahre später die Region besuchte.
Die ersten ethnologischen Notizen gab es erst im Jahre 1154, als ein anderer Araber El-Edrisi sein Buch veröffentlichte, in dem er von der Dorfstruktur, Heirat, und der Kopfjagd auf Nias erzählte [weiter u.a. bei P. Suzuki, Critical survey of studies on the anthropology of Nias, Mentawei and Enggano, ‘S-Gravenhage: M. Nijhoff, 1958; F. Zebua, Kota Gunungsitoli. Sejarah Lahirnya dan Perkembangannya, 1996].
Erst die niederländischen Kolonialherren, die ab 1825 die Insel Nias von den Engländern übernahmen, förderten zwecks Durchsetzung ihrer blutigen Kolonialpolitik anthropologische Untersuchungen auf Nias. In ihrem Auftrag oder in der Zusammenarbeit mit ihnen wurden wissenschaftliche Studien durchgeführt. Aus der Hand dieser Wissenschaftler entstand eine Literatur, die in ihrem Umfang von kleinen Traktaten oder Notizen bis zu mehrbändigen Werken, wie z.B. Schröder und Kleiweg de Zwaan, um nur zwei Namen zu nennen, reicht.

Diese Literaturlandschaft wurde noch bunter, als die Missionare der Rheinischen Missionsgesellschaft aus Barmen 1865 ihre Arbeit auf Nias aufnahmen. Sie berichteten viel von Nias, und hatten gute Kenntnisse der Niassischen Sprache. Besonders seien hier zu nennen, E.L. Denninger, der auch “der Vater der Niasmission” genannt wurde, und H. Sundermann, der durch seine Sprachforschung und Bibelübersetzung einen Namen gemacht hat. Seit ein paar Jahren mischt sich auch der Anthropologieamateur P. Johannes Hämmerle ein. Sein Engagement für die Dokumentation der Niassischen Kultur ist bis heute anerkennungswert, nicht zuletzt durch von ihm editierten Sammlungen der mündlichen Tradition und das von ihm gegründete Museum in Gunungsitoli. Für mich persönlich stellen die aus den Federn der Missionare entstandenen Arbeiten eine verläßliche Quelle dar. Denn sie arbeiteten lange Jahre mit den Niassern zusammen, wohnten unter ihnen, und kannten die Leute in allen Ecken der Insel.

Kultur: Die Abstammung

In der ethnologischen Literatur wird Nias gewöhnlich von Sumatera separat behandelt. Das ist kein Zufall, sondern es beruht auf der Erkenntnis, daß anders als die anderen Völker auf Sumatera die Niasser andere Abstammung hatten. Der Anthropologe Kleiweg de Zwaan hat uns viele Legenden über die Abstammung der Niasser dokumentiert [K. de Zwaan, Anthropologische Untersuchungen über die Niasser Bd. II, Haag: M. Nijhoff, 1914, 1-17]. Sie sind aber oft untereinander widersprüchlich. Von der Kultur her, besonders ihre Megalithkultur, zeigt Nias nähere Verwandtschaft mit der Kultur der Völker aus der Region Assam — ein Gebiet zwischen Indien und Burma — und mit der Kultur der Völker auf Luzon, Philippinen. So vermutet man, daß bei der Völkerwanderung der frühen Zeit einige Völker die Region Assam verließen und auf Nias und Luzon landeten. Besonders verwandt mit der Niassichen Kultur ist die der Angamis, in Nagaland, Assam, die auch einst die Megalithkultur in solcher Intensität hatten, wie die Niasser. Sehen wir kurz, wie die Niasser selbst in ihren vielen Legenden vom Ursprung des Menschen auf Nias erzählen. Es gibt mehrere Versionen.

Ich fasse sie kurz:

Die Niasser glauben, daß die ersten Menschen auf Nias vom Himmel her hinab gesenkt wurden. Sie waren vier an der Zahl und wurden an verschiedenen Orten niedergesenkt. Der bekannteste unter ihnen war Hia, der weit über den Ort, wo er niedergesenkt wurde, hinaus bekannt ist. So kann man Hia als einen unter anderen Stammvätern denken oder als den ersten Menschen auf Nias überhaupt. Aufgrund seiner bereiteren Bekanntheit unter den Niassern ist er m.E. die Schlüsselfigur der Stammväter. Denn nach meiner Kenntnis hat keiner der anderen Stammväter Legenden in solcher intensiven Art wie er [die Ahnenverehrung z.B. läßt sich auf die Anordnung Hias zurückführen und für ihn selbst gibt es auch Idolfigur!]. Außerdem ist Gomo als Ursprungsort der Menschen und Kultur auf Nias von vielen Niassern nicht unbekannt. Nach seiner Herabkunft ließ sich Hia in Börö Nadu, Gomo, Mittel- Nias, nieder. Dort baute er ein Dorf auf und begründete mit seinen Nachkommen ein Gesellschaftssystem, in der die Religion, Kultur, und soziales Leben eine Einheit bildeten. Von ihrer Existenz, Kultur, und ihrer Gesellschaft bezeugen bis heute die erhaltenen Megalithen, Ahnenfiguren, und Legenden.

Kultur: Die Rangfeste.

Wenden wir uns nun der Niassischen Kultur zu. Ich beschränke mich dabei auf zwei Elemente, die einst eine zentrale Rolle in der alten Niassischen Kultur gespielt haben, und blende die anderen Aspekte bewußt aus. Das erste ist das sogenannte Verdienstfest, und das zweite die Ahnenverehrung. Das Verdienstfest oder genauer gesagt das Rangfest stellt den Höhepunkt im Leben einer Niassischen (Häuptlings)familie dar. Denn bei diesem Fest erhält der oder die Gefeierte Titel und Denkmäler, die ihm oder ihr einen bestimmten Rang im Dorf verliehen.

Es gibt verschiedene Feste: Feste zu Ehren der Eltern, Rangfeste für die Frau und dann für den Mann [einen guten Überblick aus Zeugnissen der Missionare liegt W. Stöhr vor. Ausführliche und kritische Darstellung findet sich in J. Hämmerle, “Die Megalithkultur im Susua-Gomo-Gebiet, Nias”, in: Anthropos 79 (1984), 587-625]. Selbstverständlich hat ein solches Fest einen religiösen Aspekt. Er verleiht dem Festgeber Macht, und hohen Rang im diesseitigen, wie auch im jenseitigen. Es ist keine Frage, daß die Erlangung dieses Rangs im Verständnis der damaligen Zeit zugleich ein Segen für die ganze Sippe bedeutet. Für ein Rangfest wird lange Jahre gearbeitet und vorbereitet, und dann alles für dieses Fest auszugeben. Die Folge ist, daß der Festgeber wirtschaftlich zusammenbrechen kann, was oft der Fall ist. Denn die Veranstaltung eines solches Festes ist sehr aufwendig. Es müssen viele Schweine (es können Hunderte oder mehr sein) geschlachtet, Steindenkmäler errichtet, und goldene Schmücke angefertigt werden.

Es scheint aber, daß für die Niasser der Titel oder der Name wichtiger waren als Reichtum. Und das ist ein Phänomen, dass m.E. im Unterbewußtsein der Niasser wirksam bleibt, auch wenn solche Feste wegen des Einflusses des Christentums fast verschwunden sind. Für sie ist der geachtete Name/Ruf viel mehr wert als Geld.
Zwei Elemente sind mit diesem Fest unmittelbar verbunden: erstens die Opferung eines Sklaven/einer Sklavin, und die Errichtung eines Steindenkmals. Ich werde hier die ganze Zeremonie nicht anführen. Wichtig ist zu behalten, erstens, daß damit in der alten Niassischen Kultur die Sklaverei fest verankert war, was natürlich den Sklavenhandel mit Acehnesen ermöglichte. Und zweitens, daß die Megalithen in der Beziehung zu dem Rangfest standen und nur in diesem Zusammenhang verstanden werden können. Es gibt verschiedene Steine, die für verschiede Feste benötigt werden. Die bekanntesten Steine sind: Der Steinsitz mit oder ohne Rückenlehne (zu Ehren der Eltern), der Stein in Pilzform (für das Rangfest der Frau), der Tragsitz (oft mit einem oder drei tierformigen Köpfen), und Menhir (für das Rangfest des Mannes).

Kultur: Die Ahnenverehrung

Das zweite Element in der alten Niassischen Kultur ist die Ahnenverehrung, deren Existenz und zentrale Rolle im Leben der Niasser die schier unzähligen Ahnenfiguren bezeugen. Die Bezeichnung Ahnenverehrung ist vielleicht nicht genau, denn es gibt nicht nur die Figuren der Ahnen, sondern auch die der Götter, Geister, Priester, Häuptlinge. Außerdem sind sie nicht nur Figuren, sondern Idolfiguren, die den mit dieser Figur bezeichneten Gott, Priester, oder einen anderen verkörpern. Diese Figur ist also ein mit Realpräsenz beanspruchendes “Alterego” dessen, wofür sie steht. Man wird erstaunt sein, wie viele Arten von diesen Figuren es gibt. Wir können mit Recht sagen, daß die Vorfahren der Niasser im Bann der (Götter- und Geister-)figuren lebten. Fast für jede Angelegenheit gibt es entsprechende Figur, die eine bestimmte Funktion erfüllt. Adu Horö (die Idolfigur für Sündenbekenntnis) z.B. fungiert als ein Gegenüber, der die Strafe verhindern und über den man Versöhnung erlangen kann. Die Hausidolfiguren haben die Funktion, das Haus zu bewachen und zu schützen. Es gibt auch Idolfigur für Hia, den ersten Menschen auf Nias bzw. den Stammvater, die die Hausbewohner an die Gesetze und Gebote erinnert, und sie zurechtweist.

Die Gesellschaft

In der früheren Zeit gab es viele Bezirke(Öri) auf Nias, die aus mehreren Dörfern(Banua) bestehen können. Die Macht über einen Bezirk lag in der Hand der Häuptlinge, aber die eigentliche Regierung konzentriert sich im Dorf. Die Gesetze, Regelungen, und Vorschriften (Adat) werden zum Teil auf der Dorfebene entschieden, sonst auf der Bezirksebene. Es mag so gewesen sein, daß der Rang eines Häuptlings auf der Bezirksebene bestimmt wurde.
Wie gesagt, jedes Dorf hat ihre eigene Regelungen, Gesetze. Der Chef des Dorfes wurde Si Ulu im Süden und Salawa im Norden genannt. Sie gehören zu der adeligen Klasse, während die anderen (die allgemeinen, sagen die Niasser) der normalen Bürgerklasse zugehören. Die Bedeutung eines Dorfchiefs wurde an seinem Reichtum gemessen. Im Klartext heißt das auf Nias: wie viele Schweine er besitzt und wie groß seine Landwirtschaft ist. Das war sehr wichtig: denn wer reich genug ist, kann auch das Rangfest veranstalten, und so Namen und Denkmäler für sich errichten lassen.

Außer den Häuptlingen gab es noch die sog.Si Ila (die Ältesten). Sie unterschieden sich von den allgemeinen Bürgern, indem sie die beratende Funktion bei den wichtigen Entscheidungen im Dorf ausübten. Wichtige Entscheidungen konnten auch in der Versammlung des ganzen Dorfes ausgehandelt werden. Dann bleiben noch zwei Stände zu nennen, die nicht in eine der Klassen eingeordnet werden, nämlich der Stand der Priester und Priesterinnen, und der der Sklaven. Sklaven waren diejenigen, die durch einen Krieg als Besiegte erbeutet wurden oder Leute, die ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnten. Die Sklaven verrichteten die Arbeit für ihren Herrn, und wurden im Rangfest geopfert.

Die Sklaverei

Die Sklaverei stellt ein eigenes Phänomen in der früheren Niassischen Gesellschaft dar. Ich werde aber darauf nicht weiter eingehen. Wichtig ist zu betonen, daß Sklaverei ein niassisches Trauma bis heute darstellt. Dies z.B kommt zum Ausdruck in Protest wie “Ich bin nicht dein Sklave” (tenga sawuyumö ndra’o), der — wenn ein Niasser das so sagt – ein todernster Protest ist! Und wie oben schon gesagt, es wurden viele Niasser als Sklaven an Acehnesen verkauft oder gejagt.
Zwei Orte sind dabei in diesem Zusammenhang historisch besonders wichtig für das Christentum auf Nias. Der erste ist Penang in Malaysia. Die katholischen Missionare kamen zu Beginn des 19. Jhs auf die Idee, nach Nias zu kommen, ausgerechnet durch den Kontakt mit den Sklaven auf Penang. Aber genauso hat sich der Weg der evangelischen Mission nach Nias ungefähr halbes Jahrhundert später gebahnt. Der Missionar Denniger, der sich damals in Padang aufhielt, begegnete dort den Sklaven aus Nias, und kam auf die Idee, Nias zu missionieren.

Der Brautpreis

Bevor wir anfangen, die Religion der Niasser näher zu betrachten, möchte ich noch ein Problem nennen, das bis heute ein gesellschaftliches Problem auf Nias bleibt. Die Rede ist vom Brautpreis. Nicht wie oft unterstellt, als verkauften die Niasser ihre Töchter, ist der Brautpreis als Ehrenerweis zu betrachten. Der Bräutigam muß zeigen, daß er der Familie der Braut die Ehre erweisen kann durch Geschenke in Form von Gold, Schmuck, oder Schweinen. Es kann aber passieren, daß der Brautpreis in unerreichbare Höhen treibt, weil die Braut aus einer höher rangigen Familie stammt, der auch größere Ehre erwiesen = bezahlt werden muß. Dann könnte es passieren, daß die junge Familie lebenslang die Schulden bezahlt.
Heiratet ein Mann aus meiner Familie, muß ich – ohne wenn und aber – meinen Teil dafür zahlen. Und heiratet meine Tochter, so muß ich alles zurückzahlen, was ich in der Hochzeit der Töchter meiner Brüder, Schwestern und engen Verwandten bisher empfangen habe. Und auch wichtig vor Augen zu behalten, daß das, was man in Adat-Hochzeit empfängt, nur auch durch Adat-Hochzeit zurück gezahlt werden kann. Man kann nicht sagen, ich habe jetzt Geld, dann bezahle ich auch jetzt meine Adat-Hochzeitschuld. Kritisch wird es, wenn in der Zeit der Not diese Schuld gezahlt werden muß. Seit einigen Jahren gibt es kirchliche Initiative, eine obere Grenze des Brautpreises verbindlich festzulegen. Diese Initiative hat sich aber nie richtig durchgesetzt. Wahrscheinlich liegt ein Grund darin, weil zu sehr darauf Wert gelegt wird, den Brautpreis einzuschränken, und nicht darauf, wie der kulturelle Gehalt des ursprunglichen Brautpreises umgesetzt (also Wertumstellung) wird.

Die Religion

Einen Überblick von der alten Religion der Niasser zu bekommen ist nicht leicht. Diese Schwierigkeit haben auch die Missionare bewältigen müssen, als sie einen niassischen Namen für den christlichen Gott und Herrn finden mußten. Sie entschieden sich für Lowalangi für Gott und So’aya für Herrn. Es ist aber nicht eindeutig, ob Lowalangi der höchste Gott der Niasser ist. Dieses Problem ist für die Niasser heute nicht mehr von Belang, weil sie alle Christen geworden sind und mit dem Namen Gott eine bestimmte Gottesvorstellung verbinden. Aber in der Rekonstruktion des Glaubenssystems der alten Religion bleibt es ein unlösbares Problem. Ich werde hier die ganze Diskussion nicht vortragen [Siehe weiter u.a. W. Stöhr; P. Zoetmulder, Die Religionen Indonesiens, Stuttgart u.a.: Kohlhammer, 1965, S.68-93 und W. Stöhr, “Vielfalt und Totalität. Die Religionen Indonesiens,” in: Eliade, Mircea, (hrsg.), Geschichte der Religiösen Ideen III/2, Freiburg u.a.: Herder, 1991, 89-142]. Ich werde aber eine vereinfachte Version vorstellen, die ungefähr die Glaubenswelt der Niasser beleuchtet.

Es scheint, daß die Niasser eine dualistische Weltvorstellung hatten. Es gibt die Ober- und Unterwelt, die jeweils von einem eigenen Gott beherrscht wird. In der Oberwelt, der Welt des Guten, herrscht Lowalangi, während in der Unterwelt, der Welt des Schattens und Bösen, Lature Danö die Oberhand hat. Lowalangi steht zu, über Leben und Tod, Segen und Fluch, Reichtum und Armut, zu bestimmen, während alle Krankheit und Tod, Katastrophen und böse Schicksale dem Lature Danö zugeschrieben werden. Sie sind zwei stets gegen einander kämpfende Mächte. Nach einer Version der Schöpfungsmythen aus Nord-Nias gab es am Anfang nur Nebel und Chaos. Daraus entstand göttliches Wesen, das Sihai genannt wird. Er ist der Schöpfer der Welt. Nach seinem Tod wuchs aus seinem Leib der mythische Baum, aus dessen Knospen Lowalangi und Lature Danö hervorgegangen sind und die Welt beherrschen. Daß diese Version sehr vereinfacht ist, liegt auf der Hand. Denn in der Tat gab es nicht einen oder zwei Götter in der Vorstellung der Niasser, sondern mehrere, wenn nicht sogar viele Götter, und noch dazu die Geister und die Ahnen. Vielleicht sagen wir so, es gibt einen oder zwei höhere Götter, aber viele niedrigere Götter und unzählige Geister. Jeder Niasser war der Macht dieser Götter und Geister ausgeliefert.

Und in diese Vorstellung kehren die Niasser bis heute zurück, wenn in ihrem Leid der Gott des Christentums nicht mehr hilft. Um diese Geister zu besänftigen, brauchte man Idolfiguren. Denn — so glaubten die Niasser — ein Priester oder eine Priesterin kann diese Geister in die Figuren festnageln, indem er oder sie ihnen ihren Platz in der Figur zuweist. Nur so hat man die Götter und Geister “unter Kontrolle”, so daß sie kein Unwesen treiben. Diese Kontrolle liegt aber am richtigen Verhalten zu ihnen oder im sittlichen Leben überhaupt. So, wenn jemand ins Spiel der Geister gerät, weil er sich falsch verhält, kann er immer zu einem Priester oder einer Priester gehen, und sich versöhnen lassen. Wir können sagen, daß die Vorfahren der Niasser im Bann der Götter und Geister gefangen wurden, aber im richtigen Verhalten ihnen gegenüber (sprich: im sittlich guten Leben) konnten sie im Frieden leben und Glück erlangen. Dafür aber hatten sie in allen Lebenslagen kompetente Priester und Priesterinnen. Ob die Niasser heute auch kompetente Priester und Priesterinnen als Beistand haben, die ihnen den Weisen im richten Verhalten zu den neuen Göttern, bleibt eine Frage.

  • Unveränderter Text eines Vortrags am 16. Mai 1998 im Rahmen einer Veranstaltung des “Katholischen Bildungswerks des Bistums Aachen”

Ausgewählte Literatur im Überblick: Allgemein: Loeb, Edwin M., “The Islands West of Sumatera. Part I. Nias”, in: ders.; Heine-Geldern, R., Sumatera, Wien: Institut für Völkerkunde der Universität Wien, 1935, 129- 157. Penn W.; Hollweck, S., Mit Bangen in die Zukunft. Nias/Indonesien: Eine Insel im Umbruch (Video), 1995. Schnitger, F.M., Forgotten Kingdoms in Sumatera, Leiden: E.J. Brill, 1964, Nias 145-164. Southall, Ivan, Indonesia face to face, Melbourne: Lansdowne, 21965, Nias 203-206.
Megalithen und Ahnenfiguren: Hämmerle, Johannes M., Hikaya Nadu, Nias: Pustaka Nias, 1995. “Die Megalithkultur im Susua-Gomo-Gebiet, Nias”, in: Anthropos 79 (1984), 587-625. Siehe auch J. Hämmerle und P. Suzuki unten
Religion der Niasser: Hämmerle, J., Nias. Land der Menschen. Ein Beitrag aus Zentral-Nias, Missionsprokur der Kapuziner: Münster, 1982. Stöhr, Waldemar; Zoetmulder, Piet, Die Religionen Indonesiens, Stuttgart u.a.: Kohlhammer, 1965, S.68-93. “Vielfalt und Totalität. Die Religionen Indonesiens,” in: Eliade, Mircea, (hrsg.), Geschichte der Religiösen Ideen III/2, Freiburg u.a.: Herder, 1991, 89-142. Suzuki, Peter, The Religious System and Culture of Nias, Indonesia, ‘S-Gravenhage: Excelsior, 1959.

Posting-Idee : KLAUS STURM

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5 Komentar (+add yours?)

  1. carpets
    Feb 19, 2011 @ 19:33:24

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